Bayerischer Elternverband warnt: Bei der psychischen Gesundheit von Kindern darf nicht gespart werden!
Bayern – Die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ist eine grundlegende Voraussetzung für Bildung, Entwicklung und gesellschaftliche Teilhabe. Umso alarmierender ist es, dass weitere Einschränkungen bei finanziellen Hilfen für Familien, Unterstützungsangeboten und der psychotherapeutischen Versorgung beschlossen, vorbereitet oder diskutiert werden. Der Bayerische Elternverband (BEV) warnt eindringlich vor Kürzungen, die Familien belasten und die Entwicklungschancen von Kindern gefährden.
Familien werden zusätzlich belastet
Derzeit stehen verschiedene Maßnahmen im Raum, die die finanzielle Unterstützung von Familien einschränken. Besonders betroffen sind armutsbelastete Familien, deren Kinder ohnehin ein deutlich erhöhtes Risiko für psychische Belastungen haben.
Auf Bundesebene werden unter anderem Kürzungen beim Elterngeld, beim Unterhaltsvorschuss und beim Kinder-Sofortzuschlag diskutiert oder vorbereitet. In Bayern entfallen für Kinder ab dem Geburtsjahrgang 2025 das Familiengeld und das Krippengeld. Der bisherige Beitragszuschuss von 100 Euro für den Kindergarten wird in eine neue Förderstruktur überführt. Gleichzeitig steigen vielerorts die kommunalen Kita-Gebühren. Auch das bayerische Landespflegegeld wurde 2026 halbiert.
Familien können diese Belastungen nicht allein auffangen. Wenn staatliche Unterstützung zurückgeht und zugleich Hilfsangebote für Kinder geschwächt werden, werden ihre Entwicklungs- und Teilhabechancen beeinträchtigt.
Das Wohlbefinden von Kindern muss im Mittelpunkt stehen
Psychische Gesundheit ist weit mehr als eine Gesundheitsfrage: Sie ermöglicht Kindern, zu lernen, Beziehungen aufzubauen, Selbstvertrauen zu entwickeln und ihr Potenzial zu entfalten. Sie ist deshalb auch eine Bildungsfrage. Wo Belastungen zunehmen und Hilfe zu spät kommt, geraten Bildungsbiografien und gesellschaftliche Teilhabe unter Druck.
(Quellen: OECD/PISA 2018, Students’ Well-being)
Doch das psychische Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen hat sich noch immer nicht wieder auf das Niveau vor der Corona-Pandemie erholt. Studien zeigen, dass etwa 20 bis 25 Prozent der Kinder und Jugendlichen psychisch belastet oder auffällig sind. Besonders betroffen sind Kinder aus armutsbelasteten Familien sowie Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Globale Krisen, Kriege, Klimawandel und Zukunftsängste erhöhen den Druck zusätzlich.
(Quellen: COPSY-Längsschnittstudie 2020–2024, Deutsches Schulbarometer 2025/26, Studie zu Klimaangst)
„Kinder können psychische Belastungen nicht einfach wegorganisieren“, erklärt Martin Löwe, Landesvorsitzender des BEV. „Wenn es ihnen nicht gut geht, betrifft das ihre gesamte Entwicklung – in der Schule, in der Familie, im Freundeskreis und weit darüber hinaus.“
Kinder warten viel zu lange auf Hilfe
Lange Wartezeiten auf Therapieplätze verschärfen die Situation. Einer bundesweiten Befragung zufolge vergehen zwischen der ersten Anfrage und dem Beginn einer regulären Psychotherapie durchschnittlich mehr als 28 Wochen. Frühere Erhebungen zeigen zudem Wartezeiten von rund zweieinhalb Monaten bis zu einem psychotherapeutischen Erstgespräch.
(Quellen: Versorgungsmonitor Psychotherapie, Rodney-Wolf & Schmitz, Plötner et al.)
Für Kinder und Jugendliche sind solche Wartezeiten besonders problematisch. Kommt Hilfe in dieser sensiblen Entwicklungsphase zu spät, können sich Belastungen verfestigen, schulische Probleme verschärfen und Familien weiter unter Druck geraten.
Psychotherapeutische Versorgung darf nicht weiter geschwächt werden
Die aktuellen Pläne und Eingriffe in die Finanzierung der Psychotherapie sind aus Sicht des BEV nicht hinnehmbar. Bereits beschlossene Honorarkürzungen sowie geplante Budgetierungen und der vorgesehene Wegfall bestimmter Zuschläge schwächen ein Versorgungssystem, das schon heute an seine Grenzen stößt. Fachverbände warnen, dass dadurch insbesondere für Kinder und Jugendliche weniger Behandlungskapazitäten zur Verfügung stehen, sich die Wartezeiten weiter verlängern und notwendige Hilfe noch später einsetzt.
(Quellen: BPtK, DGPs, KBV)
Frühe Hilfe und Prävention stärken
Der BEV fordert deshalb einen politischen Kurswechsel hin zu früher Hilfe, Prävention und niedrigschwelliger Unterstützung. Dies ist gerade bei jungen Menschen entscheidend, weil viele psychische Erkrankungen früh beginnen und unbehandelt langfristige Folgen für Entwicklung, Bildung und Teilhabe haben können.
(Quellen: JAMA Psychiatry, Wissenschaftsrat 2026)
Zu einer wirksamen Prävention gehört auch, Kinder und Jugendliche stärker an Entscheidungen zu beteiligen, die ihren Alltag und ihre Lebenswelt betreffen. Wenn sie erleben, dass ihre Meinung gehört wird und sie Veränderungen mitgestalten können, stärkt dies ihre Selbstwirksamkeit, ihr Vertrauen und ihr Zugehörigkeitsgefühl – wichtige Schutzfaktoren für das psychische Wohlbefinden.
(Quelle: Deutsches Schulbarometer 2025/26)
Auch volkswirtschaftlich ist Sparen an dieser Stelle kurzsichtig. Frühzeitige Unterstützung verringert spätere Bildungs-, Gesundheits- und Sozialkosten. Viele psychische Erkrankungen beginnen bereits im Kindes- und Jugendalter und wirken bis ins Arbeitsleben fort. Im ersten Halbjahr 2026 waren sie bei erwerbstätigen DAK-Versicherten die häufigste Ursache für Fehlzeiten.
(Quellen: IW Köln, JAMA Psychiatry, DAK-Gesundheitsreport 2026)
Der BEV fordert deshalb
- Stärkung von Prävention und niedrigschwelligen Hilfen.
Schulpsychologie, Beratungsangebote, Familienhilfe und frühe Unterstützung müssen ausgebaut werden. - Mehr Therapieplätze, verlässliche Finanzierung und realistische Bedarfsplanung.
Psychotherapie für Kinder und Jugendliche muss zugänglich bleiben und sich am tatsächlichen Bedarf orientieren. - Mehr Beteiligung und Selbstwirksamkeit für Kinder und Jugendliche.
Kinder und Jugendliche müssen bei Entscheidungen über ihre Lebenswelt gehört und wirksam beteiligt werden. - Keine zusätzliche Belastung armutsgefährdeter Familien.
Familienleistungen dürfen nicht weiter gekürzt werden, während die psychischen Belastungen von Kindern steigen. - Keine Schwächung individueller Hilfen für Kinder mit besonderen Bedarfen.
Kinder müssen die Unterstützung erhalten, die sie für Bildung, Entwicklung und Teilhabe benötigen.
Politik muss Kinder endlich priorisieren
Der BEV fordert Bund und Freistaat Bayern auf, die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen als zentrale Voraussetzung für ein gesundes Aufwachsen zu behandeln.
„Kinder und Jugendliche dürfen nicht erst dann wahrgenommen werden, wenn sie nicht mehr funktionieren“, mahnt Löwe. „Das Kindeswohl muss Maßstab politischen Handelns sein. Dazu gehören starke Familien, frühe Unterstützung, echte Beteiligungsmöglichkeiten und eine verlässliche psychotherapeutische Versorgung. All das stärkt die Resilienz, das Wohlbefinden sowie die Bildungs- und Entwicklungschancen von Kindern und Jugendlichen und wirkt sich langfristig auch gesellschaftlich und volkswirtschaftlich positiv aus. Wer heute bei der psychischen Gesundheit von Kindern spart, gefährdet ihre Entwicklungschancen von morgen.“
Quellen
- COPSY-Längsschnittstudie 2020–2024
- Studie zu Klimaangst
- Deutsches Schulbarometer 2025/26
- Versorgungsmonitor Psychotherapie
- Rodney-Wolf & Schmitz 2025
- Plötner et al. 2022
- BPtK
- DGPs
- KBV
- Wissenschaftsrat 2026
- IW Köln
- BR Elterngeld
- Tagesschau Unterhaltsvorschuss
- ZBFS Familiengeld
- ZBFS Krippengeld
- StMAS Kita-Finanzierung
- StMAS Pressemitteilung Kita-Zuschuss
- Bayerisches Landespflegegeld
- BMFSFJ Kinder- und Jugendhilfestrukturreform
- JAMA Psychiatry
- DAK-Gesundheitsreport 2026
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„Die Schulen müssen den Kindern passen, nicht die Kinder den Schulen“ – Unter diesem Motto setzt sich der Bayerische Elternverband (BEV) seit 1968 für Chancengleichheit und Gerechtigkeit in der Bildung ein. Ziel ist die optimale Förderung jedes einzelnen Kindes - im Kindergarten, in der Schule und in der Familie.
Als Interessenvertretung der rund 3 Millionen bayerischen Eltern nimmt der BEV Einfluss auf die Schul- und Bildungspolitik in Bayern und unterstützt Eltern vor Ort, ihre Mitwirkung optimal gestalten zu können.
Der BEV steht allen Eltern in Bayern offen. Er ist gemeinnützig und an keine Konfession, politische Partei oder Schulart gebunden. Mehr Informationen finden Sie unter www.bev.de/ueber-uns
Bei Fragen zu dieser Pressemitteilung wenden Sie sich bitte an
Martin Löwe
Landesvorsitzender
martin.loewe(at)bev.de
Tel.: +49 172 8621281

